Kos – Insel des Hippokrates
Die drittgrösste Insel des Dodekanes nach Rhodos und Kárpathos hat viele begeisterte Stammgäste, aber die Nase rümpfende Verächter. Eingefleischte Griechenland-Fans nutzen sie als Sprungbrett zu anderen, scheinbar ursprünglicher gebliebenen Inseln. Kos liegt zentraler als Rhodos, fast alle Inseln des Dodekanes sowie Samos, Foumi und Ikaria sind von hier aus gut zu erreichen. Als Zielflughafen für Charterflüge hat Kos inzwischen Korfu den dritten Rang unter den griechischen Inselflughäfen abgelaufen: Pro Woche landen hier im Sommer etwa 30 Jets. Sie tragen während der Saison bis zu 150 000 Urlauber auf die Insel die nur 25 000 Einwohner zählt. Etwa 65 000 Fremdenbetten stehen für sie bereit. Im Verhältnis der Touristen- zu den Einwohnerzahlen übertrifft Kos damit Kreta, Rhodos und Korfu, die ja eine sehr viel grössere Bevölkerung haben und auch viel grösser sind. Kos lebt eindeutig vom Fremdenverkehr. Viele Weingärten, Obstplantagen, Getreidefelder und Brachland sind touristischer Bebauung zum Opfer gefallen. Zitronen, Orangen, Mandarinen und Tabak, während der italienischen Besatzungszeit noch wichtige Inselprodukte, werden überhaupt nicht mehr angebaut; nur die Viehzucht hat wenig von ihrer einstigen Bedeutung verloren. Besonders auffällig sind die vielen, sonst auf griechischen Inseln recht raren Kühe; in den Bergen und auf der Kefalos-Halbinsel weiden noch zahlreiche Ziegen und Schafe. Der Rückgang der Landwirtschaft macht sich auch in der ohnehin kaum vorhandenen Industriestruktur bemerkbar. Eine Zigarettenfabrik hat schon im Zweiten Weltkrieg geschlossen, eine Tomatenmarkfabrik in den 90er Jahren. Die Olivenölpressen haben weniger Arbeit, der Weinkellerei der Insel gehen langsam die Trauben aus. Einen Aufschwung verzeichnen nur die beiden Molkereien und die Limonadenfabrik: Sommerurlauber haben viel Durst.
Als Urlaubsziel besitzt Kos viele Vorzüge. Der wichtigste: Keine andere griechische Insel hat im Verhältnis zu ihrer Küstenlänge so viele gute Strände. Erstaunlicherweise ist über die Hälfte von ihnen völlig unverbaut. Das Wassersportangebot lässt wenig zu wünschen übrig; nur die Möglichkeit zu Tauchgängen wird durch die Angst der Archäologen vor Antikendieben stark beschränkt. Windsurfern gilt Kos als Dorado, in dem man schnell je nach Windrichtung die Seiten wechseln kann. Kein Wunder also, dass die beiden bekanntesten Ferienclubs Europas Dependancen auf Kos unterhalten: Robinson und der Club Med. Viele Strände werden anders als auf den meisten Inseln nicht nur von interessierten Hoteliers und Tavernenbesitzern, sondern auch von den Gemeinden gereinigt. Beispielhaft sind auch das inzwischen fast 40 km lange, in Hellas einzigartige Radwegenetz in der Umgebung der Stadt Kos und die Organisation des Busverkehrs: Für alle, die Schwierigkeiten im Umgang mit griechischen Buchstaben haben, sind sie touristensicher nummeriert. In Anbetracht allgemeiner Verhältnisse in Griechenland kann der Inselverwaltung sogar unter Umweltaspekten ein Lob ausgesprochen werden: Im Inselosten gibt es bereits seit den 80er Jahren eine biologische Kläranlage: viele Hotels verfügen über eigene, kleine Einheiten. Projekte zur Verwendung geklärten Brauchwassers zur Pflanzenbewässerung werden von griechischen Universitäten durchgeführt; in der Innenstadt von Kos sind viele Gassen zu Fussgängerzonen umgestaltet worden.
Das, was man so landläufig «typisch griechisch» nennt, muss man auf Kos allerdings suchen. Kos «der Name wird übrigens wie ‹Koss› und nicht wie ‹Kohs› ausgesprochen» ist zwar 43 km lang, aber nur knapp 2 bis 10 km breit. Da ist kein Platz für küstenferne Orte, die vom Tourismus noch verschont blieben. Jeden Ort im Binnenland kann man von den Badeorten an der Küste aus sogar zu Fuss erreichen. Dementsprechend hat sich auch in diesen «Bergdörfern» die Infrastruktur gewandelt. Urige Kaffeehäuser und Tavernen sind selten geworden, man passt sich dem Massengeschmack an. Die Badeorte selbst sind – mit Ausnahme von Kardamena – alle erst in den 80er Jahren aus winzigen Bootsliegeflecken entstanden, lassen also historische Häuser meist vermissen. Im Winter gleichen sie Geisterdörfern, in denen fast alle Läden, Hotels und Tavernen geschlossen sind. Für einen weiteren Unterschied zu den meisten anderen griechischen Inseln hat schliesslich die Natur selbst gesorgt: An den Küsten von Kos gibt es kaum verschwiegene kleine Buchten, sondern überwiegend kilometerlange Strände.